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Die Stollenhalde PDF Drucken

Die Grube „Stahlberg" bei Müsen

75 Jahre nach der Stilllegung -- eine Bestandsaufnahme


 

Im März 2006 jährte sich zum 75. Male die Stilllegung der Jahrhunderte alten Grube „Stahlberg".

Die Schließung dieses einst weit über die Grenzen des Siegerlandes bekannten  Bergwerkes war zugleich der Schlusspunkt des Bergbaus im Müsener Raum. Bis in das Jahr 1313 lässt sich die Geschichte der Grube anhand schriftlicher Quellen zurückverfolgen, und ihre einst bedeutende Ausstrahlung auf die  Wirtschaft im oberen Siegerland hat bis heute ihre Spuren hinterlassen. Als letzte Betriebe, welche einst von dem qualitativ hochwertigen Erz des Müsener Stahlberg abhängig waren, produzieren bis heute die Firmen „Achenbach Buschhütten", „SMS Dahlbruch" (ehem. Gebr. Klein) und das Hammerwerk „Vorländer" in Allenbach.

An dieser Stelle soll jedoch nicht auf die Betriebsgeschichte des Bergwerks eingegangen werden, sondern vielmehr ein Blick auf den  baulichen Bestand der einst ausgedehnten Tagesanlagen gerichtet werden.

 


Wer die landschaftsprägenden Tagesanlagen der Grube „Stahlberg" mit ihren Fördergerüsten, den Aufbereitungsanlagen  und Haldengeländen von historischen Aufnahmen her kennt und mit der heutigen Situation vergleicht, wird davon ausgehen, dass fast alles in den Jahrzehnten nach der Stillegung abgebrochen bzw. abgetragen wurde. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Unwiederbringlich verschwunden sind - wie im gesamten Siegerland - die Zeugen des industriellen Bergbaus, wie er im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufkam. Erstaunlich gut erhalten ist dagegen der Baubestand des frühen 19. Jahrhunderts, als sich die Betriebsgebäude noch kaum von der sie umgebenden ländlichen Bebauung unterschieden.

 

Heute gibt es drei Schwerpunkte mit erhalten gebliebenen Grubenanlagen, welche allerdings aufgrund ihrer teilweise großen räumlichen Trennung schwer als zusammengehörige Einheit angesprochen  werden können.

 

 

Die Stollenhalde in Müsen mit dem „Stahlbergmuseum" und dem Mundloch des „Tiefen Müsener Stollens" stellt den interessantesten Teil dieser ehemaligen Betriebsgebäude dar. Nur wenige Schritte von der Müsener Dorfmitte entfernt hat sich hier ein Ensemble von Grubengebäuden des 19. Jahrhunderts erhalten. Bet- oder Zechenhaus, Stollenmundloch, zwei Menagen, Zimmerstube sowie das Gruben- und Knappschaftsbüro haben hier den Lauf der Zeit überdauert.

Umso bedauerlicher ist es daher, dass das noch bis vor wenigen Jahren erhaltene Direktorenwohnhaus und die Müsener Bergschule leichtfertigerweise abgerissen wurden.

Die sich im Archiv des „Stahlbergmuseums" befindlichen Zechenbücher sowie Bauakten der Stadt Hilchenbach 1 gestatten einen interessanten Einblick in die Geschichte dieser Gebäude.

 

Das Zechenhaus / Bethaus

 

Das zentrale Gebäude auf der Stollenhalde bildet das Zechenhaus, mundartlich „Verläs" genannt. Die Baugeschichte dieses einfachen kapellenartigen Fachwerkbaus galt lange Zeit als ungeklärt. Die bislang gültige These, das Gebäude sei um 1830 an Ort und Stelle errichtet worden, kann neuerdings widerlegt werden. Durch Nachforschungen in den Stahlberger Zechenbüchern ergibt sich ein völlig neuer Sachverhalt, welcher im Folgenden dargelegt werden soll.

Eine Haubergskarte aus dem Jahre 1777 2     gibt uns einen ersten Hinweis auf das Gebäude, welches zu dieser Zeit noch auf der „Kniggelweger Stollenhalde" oberhalb des heutigen Müsener Feriendorfs stand.  Den ersten schriftlichen Hinweis finden wir im „Grubenanschnitt oder 7 wöchige Rechnung Lohnung Nr. 1 1792": 3

„Der Schreinermeister Johann Heilmann Höfer hat ein neu Spiegelglasscheibe an die Fenster der Betstub als noch an die unterste Scheidstub gesetzt"

Ein weiteres Mal taucht das Zechenhaus in dem „Fahrbuch für Stahlberg & Schwabengrube" 4

in einem Bericht über die Grubenfahrt von Kronprinz Friedrich Wilhelm am 16.10.1833 auf:

„Actum Müsen , 16 Oktober 1833


Heute geruhten S. Königl. Hoheit unser all verehrter Kronprinz Friedrich Wilhelm mit seinem Gefolge in Begleitung

  1. Des Herrn Oberbergamtsdirektor und Berghauptmann Herrn Graf von Beust
  2. Kgl. Oberbergrat und Bergamtsdirektor Herrn Heusler
  3. Bergmeister Herrn Menzler
  4. Obereinfahrer Herrn Erbreich

den hiesigen Stahlberg zu fahren........

....... Nach gehaltener Befahrung und eingenommenen Frühstück im Zechenhaus geruhten seine Kgl. Hoheit den Weg nach Siegen zu nehmen."

 

In dem Protokoll zur „30. Generalbefahrung pro 1845" lesen wir dann etwas über die Umstände, wie das Gebäude letztendlich an seinen heutigen Standort auf der Stollenhalde gekommen ist.

(Zechenbuch für Stahlberg & Beilehen 5

1.1.1837 - Nov. 1848):

„30. Generalbefahrung pro 1845 19 . Dez. 1844    

 17) Da es auf der Erbstollenhalde an einem genügenden Raum für die geschnittenen Holzsorten und sonstigen Materialvorrat mangelt, so wurde bestimmt das auf der Kniggelweger Stollenhalde und jetzt daselbst überflüssig gewordene Zechenhaus dahin zu transportieren.

Dasselbe soll mit der hinteren Wand auf die Grenzmauer gesetzt werden und zwar so hoch das ein 7 bis 8 Fuß hohes Untergeschoss hergestellt wird."

 

Seit 1845 wurden die Steiger angehalten, das allmorgendliche „Verlesen" in diesem Gebäude abzuhalten. Das gemauerte Untergeschoss diente fortan zur Aufbewahrung von Werkzeug und Lampenöl.

Nach mündlicher Überlieferung hat der „Cöln-Müsener-Actienverein" das Bethaus nach 1856 mit einem Dachreiter und einer Gussstahlglocke  versehen. Die heute noch vorhandene Glocke wurde allmorgendlich vor Schichtbeginn geläutet.

Seine Bedeutung verlor das Bethaus um 1908, als die Bergleute nicht mehr durch den Stollen zur Schicht anfuhren, sondern durch den oberhalb Müsens gelegenen Maschinenschacht zu ihren unterirdischen Arbeitsplätzen gelangten.

In dem leerstehenden Gebäude richtete dann der letzte Direktor der Grube „Stahlberg", Hermann Fuhr, bereits 1924 das Stahlbergmuseum ein.


 

Das Mundloch des „Stahlberger Erbstollens"

 

Direkt neben dem Zechenhaus befindet sich - in eine Hangstützmauer eingelassen - das Portal des zwischen 1740 und 1780 vorgetriebenen „Stahlberger Erbstollens". Der 1144,5 Meter lange Stollen wurde ursprünglich nur zur Ableitung der Grubenwässer aus den Bauen der „Schwabengrube" und des „Stahlberger Stocks" angelegt. Als sich jedoch Anfang des 19. Jahrhunderts die Probleme in der Förderung mittels der beiden Wasserradgetriebenen Fördermaschinen auf dem oberen und unteren Triebschacht häuften, entschloss man sich zum Ausbau des Stollens mittels einer Schienenbahn. 1832  begann man mit den Umbauarbeiten, welche hauptsächlich in einer  Vergrößerung des Stollenquerschnitts, der Ausmauerung der bis dahin in Holzausbau stehenden Stollenteile und dem Einbau einer Schienenbahn mit Flachschienen bestand. Durch das Auftreten unerwarteter Schwierigkeiten bei der Förderung mittels eiserner Grubenwagen dauerte es noch bis in die 1840er Jahre, ehe eine kontinuierliche Förderung durch den Stollen stattfinden konnte. Die nunmehr ausschließliche Förderung durch den Stollen und die Stilllegung der Schächte erforderte die Verlegung der Betriebs- und Aufbereitungsanlagen von der Höhe der Martinshardt hinab an den Bachlauf der Rothenbach im Müsener Unterdorf.

Nach der Stilllegung der Grube „Stahlberg" versuchte Direktor Fuhr, in dem Stollen das erste Siegerländer Besucherbergwerk einzurichten. Dazu ließ er Anfang der 30er Jahre von arbeitslosen Bergleuten den Stollen bis in den Bereich der „Schwabengrube" mit neuen Laufbohlen auslegen. Zu einem Betrieb als Besucherbergwerk kam es dann infolge der Zeitereignisse aber nicht mehr. Ab 1942 baute die Gemeinde Müsen die ersten 320 Meter bis in den Bereich der Gestellsteinbrüche als Luftschutzstollen für die Müsener Bevölkerung aus.

Nachdem der Stollen von 1974 bis 1979 wieder aufgewältigt worden war, werden die ersten 380 Meter sowie die unterirdischen Gestellsteinbrüche heute als Besucherbergwerk genutzt.

Das heute erhaltene Mundloch stammt aus dem Jahre 1832, nachdem zuvor das alte Mundloch aus den 1740er Jahren abgetragen worden war: 6

„Actum Stahlberg den 3. September 1832

Heute wurde der gesamte Bruchbau des Stahlbergs gefahren.......  zur baldigen Förderbarmachung des Erbstollens mit nachreisen der Firststöße sowie mit dem Planieren der Stollenhalde und abreisen des Stollenmundlochs beschäftigt.

10. November 1832

......... Auch wurde die Wiederaufstellung des Stollenmundlochs durch Ausmauerung desselben an Ort und Stelle bestim

Stahlberg 7. Oktober 1833

Bei der heutigen Befahrung war das Wagengesteng ganz fertig, auch die Stollenhalde der Ansicht genügend ganz planiert und die Stützmauer bei dem Stollenmundloch völlig fertig."

 

In den Jahren von 1842 bis 1844 wurden die anschließende Grenzmauer und der Zechenplatz fertiggestellt:

„29. Generalbefahrung pro 1844

ad 12) Die Grenzmauer in diesem Jahr vollendet. Sie ist 1 ½  Fuß breit  3'10' hoch und 132 Fuß lang

16) Zur Abstürzung der geschiedenen und Aufteilung der gewonnenen Erzposten ist an der süd. Seite ein passender Raum mit größeren Belegsteinen vorzurichten." 7

In der Folgezeit war die Stollenhalde der Hauptbetriebspunkt der Grube, bis 1856 zur Erhöhung der Förderung der „Untere Triebschacht" wieder in Betrieb genommen wurde. Um 1900 wurde dann die Förderung durch den Stollen eingestellt.

Nach der Stilllegung im Jahre 1931 wurde das Portal letztmalig verändert, indem man auf beiden Seiten des Stolleneingangs Inschrifttafeln aus dem Gesims der neuen Menage einließ und den Schlussstein mit einer Inschrift versah.

2004 ist dann die jahrelang angeschüttete Stützmauer wieder freigelegt worden, wodurch sich das Mundloch heute wieder in seiner ursprüngliche Gestalt von 1832 präsentiert.

 

Arbeiterschlafhaus / Bürogebäude  „Auf der Stollenhalde 6"

 

Oberhalb des Stollens steht ein langgestrecktes eingeschossiges Fachwerkgebäude, welches bereits vor 1858 als Arbeiterwohnhaus errichtet wurde. Dieses ursprünglich mit Stroh gedeckte Gebäude wurde später als Speisesaal, als Betriebsbüro, als Büro des Müsener Knappschaftsvereins und als Wohnung für den Hausmeister des Direktorenwohnhauses genutzt.

Im August 1915 erfolgten Umbauarbeiten zu einer Wohnung und der Einbau einer Dampfheizung im Keller für das benachbarte Direktorenwohnhaus. Heute wird das Objekt in verändertem Bauzustand als Wohnhaus genutzt.

 

 

„Alte Menage"

 

Das markanteste Gebäude auf der Stollenhalde ist die vom „Cöln-Müsener-Aktienverein" erbaute, so genannte „Alte Menage". Sie diente den auswärtigen Bergleuten als Unterkunft und    wurde durch Bergzimmerleute erbaut. Die  entsprechende Baugenehmigung wurde am 19. Juli 1856 erteilt.  

Das 86 Fuß lange und 27 Fuß breite Gebäude besitzt einen aus Bruchsteinen gefügten Sockel, auf welchem ein Untergeschoss aus Ziegelsteinen ruht. Das Obergeschoss besteht aus Fachwerk. Das ursprünglich aufgesetzte Satteldach wurde bereits vor dem ersten Weltkrieg durch ein Walmdach ersetzt. 9  

1922 von der „Aktiengesellschaft Charlottenhütte" in ein Wohnhaus mit fünf Wohnungen umgebaut, steht das stattliche Haus heute leer.

 

 

Ehem. „Scheidstube" / „Auf der Stollenhalde 2"

Das letzte erhaltene Betriebsgebäude auf der Stollenhalde ist die ehemalige „Scheidstube". Das heute stark veränderte Gebäude wurde 1842 erbaut, um die reichhaltigen Blei-, Silber- und Kupfererze der „Schwabengrube" nach Sorten zu sortieren (scheiden).

Im „Zechenbuch für Stahlberg & Beilehen" vom 1.1.1837 - Nov. 1848 ist die Entstehungsgeschichte dokumentiert: „XXVI Generalbefahrung 18. Dez. 1840 für 1841

Grubenhaushalt

21) ... im Jahre 1841 die Einleitungen zum Ankauf des zum Erbauen des Scheidhauses nötigen Grundeigentums getroffen und womöglichst beendigt, und das hierfür  im Ökonomieplan 500 Rthl aufgenommen werden. Bei dem ohnehin engen Raum vor dem Stollenmundloche ist es nämlich unerlässlich, das Scheidhaus zur Seite der Grube zugehörigen Haldenplatz zu stellen, um diesen nicht zu sehr zu beengen.
XXVII  Generalbefahrung pro 1842

19) ..... soll mit dem Bau des Scheidhauses im nächsten Frühjahr begonnen werden

Kostenvorschlag 1000 Rthl.

24) Zum Scheidsteiger auf der Erbstollenhalde wird der Bergmann Johannes Kleb bestellt
12. Oktober 1842

....... da das Scheidhaus auf der Erbstollenhalde seiner Vollendung nahe ist.....

Die Nutzung des Gebäudes als Scheidstube für Blei- und Silbererze endete ca. 1898. Danach erfolgte eine Verwendung u.a. als Schreinerwerkstatt und gelegentlich auch als „Verlesestube". 10 Im Jahre 1921 erfolgte der Umbau in ein Wohnhaus, welches in den 70er Jahren mit zwei Anbauten und einer Autowerkstatt erweitert wurde.

 

 

„Neue Menage" / Gelände „Untere Rohstahlhütte"

Gegenüber der Stollenhalde befand sich von dieser - durch den Rothenbach getrennt - das Gelände der ehemaligen „Unteren Müsener Rohstahlhütte". Nach Stilllegung der Hütte wurde dieser Platz um 1836 von der Stahlberger Gewerkschaft erworben, um mit den frei werdenden Wasserrechten eine Spülwäsche für die Verarbeitung des Spateisensteins anzulegen. Auch hierüber gibt das oben erwähnte Zechenbuch wieder Auskunft: 10

„XXII te Generalbefahrung 14. Dez. 183
19) Sobald die Müsener untere Rohstahlhütte abgebrochen sein wird, soll der Platz geebnet und zur Halde vorgerichtet werde

XXIII Generalbefahrung 15.12.1837
22) Auf der Erbstollenhalde ist das alte Schlackenpochwerk der abgebrochenen unteren Rohstahlhütte zu requirieren und hier eine Spülwäsche zum Waschen des Spateisensteins vorzurichten.

 

XXVIII Generalbefahrung 16.12. 1842 pro 1843

16) Da die Spül und Setzwäsche auf der Stollenhalde, welche zur Aufbereitung des Spateisensteins dient, für den Bedarf zu sehr beschränkt ist so soll dieselbe um die Hälfte der jetzigen Länge oder ca. 12 Fuß erweitert und noch mit 2 Setzbütten versehen werden
29. Generalbefahrung pro 1844
16) Die Vergrößerung der Setzwäsche konnte unterbleiben."

 

1948 wurde die Setzwäsche abgetragen. In der direkten Nachbarschaft entstand zwischen 1907 und 1908 die sog. „Neue Menage" als massiver Flachdachbau, um den stetig steigenden Anteil ortsfremder Bergleute zu beherbergen. Das 1931 in den Besitz der Gemeinde Müsen übergegangene Gebäude wurde von 1933 bis 1935 als SA Sportschule und von 1935- 1940 HJ Landjahrlager genutzt. 1941 erwarb die Firma „Sieper Kunststoffwerke" das Gebäude, welches noch heute das zentrale Bürogebäude dieser Firma bildet.11

Der Vollständigkeit halber sollen hier noch zwei mittlerweile abgetragene Betriebsgebäude erwähnt werden. Auf dem heutigen Parkplatz gegenüber dem Museum stand bis  Ende 1994 die

 

Bergschule der Grube „Stahlberg"
Eine Hälfte des großen Doppelhauses aus dem 18. Jahrhundert wurde 1836 von der Stahlberger Gewerkschaft als Bethaus erworben:

„Betriebsplan pro 1836

C: Grubenhaushalt

23) In dem vor dem tiefen Stollenmundloche neu angekauften Hause sollen zur Einrichtung einer Zechenstube die nötigen Reparaturen vorgenommen werden, wofür im Ökonomieplan 50 Rthl. angenommen sind." 12


Im „Fahrbuch für Stahlberg und Schwabengrube" wurde dann festgelegt, wie die zuständigen Steiger fortan vor Beginn der Schicht das Verlesen abzuhalten hatten:
„Heute wurde der Obersteiger Rompf und die Steiger Nöh und Freudenberg angewiesen, mit Anfang des Quartals Trinitatis sowohl vor Beginn der Frühschicht als auch der Nachmittagsschicht Verlesen der Bergleute abzuhalten. Vom 2 April 1837 an wird also unmittelbar vor dem Befahren einer der Untersteiger das Verzeichnis der Arbeiter ablesen und bei einem jeden der selben bemerken ob solcher anwesend gewesen.

Die beim Verlesen fehlenden Bergleute werden auf den Strafzettel gesetzt, wenn solche kurz nach dem verlesen eintreffen. Später ankommende dürfen nicht anfahren.

Müsen den 20ten März 1837       Eickhof Berggeschworener"13

 

Das nach der Versetzung des Zechenhauses (von der Kniggelweger Stollenhalde) nicht mehr als Bethaus benötigte Gebäude diente ab 1846 der Müsener Bergschule als Unterkunft.

Die  seit 1812 bestehende Bergschule war eine von den Gruben des Müsener Reviers getragene Einrichtung, in welcher die auf den Gruben beschäftigten Kinder Unterricht in Rechnen, Lesen und Schreiben bekamen. Teilweise besuchten bis zu 80 Kinder täglich die Schule. Der Unterricht wurde vom Müsener Dorflehrer und  verschiedenen Grubensteigern erteilt. Nach Einführung der Volksschule wurde die Bergschule am 20. April 1877 geschlossen. 14

Zwischen 1852 und 1883 bestand in dem Bergschulgebäude eine von Müsener Lehrern getragene Fortbildungsschule als Sonntagsschule. 15

Im Dezember 1994 wurde das Haus, das bei einem Brand am 5. Mai 1993 beschädigt worden war, schließlich abgerissen.

Als letztes ehemaliges Betriebsgebäude auf der Stollenhalde sei noch das einst auf der Wiese hinter dem Museum stehende Direktorenwohnhaus erwähnt.

Das repräsentative Haus wurde um 1900 erbaut und durch den „Cöln-Müsener-Actienverein" als Wohnhaus für den Direktor der Grube Stahlberg genutzt.

Bis 1941 von dem letzten Direktor Hermann Fuhr bewohnt, wurde es in der Folgezeit  von der Gemeinde Müsen erworben, welche es später an die Firma „Sieper" weiter veräußerte. 1976 / 1977  erfolgte der Abriss. 16

 

Oberhalb der Stollenhalde an der heutigen „Hauptstraße" / Abzweig „Kindelsbergstraße" hat sich das vielleicht interessanteste Baudenkmal der Grube erhalten.

Der sog. „Fürsteneingang" aus dem Jahre 1789 stellt eine im Bereich des deutschen Bergbaues einmalige Einrichtung dar. Als sich der Besuch des damaligen oranischen Erbprinzen und späteren König der Niederlande, Wilhelm I., ankündigte, reifte seitens der Stahlberger Gewerkschaft der Plan,  ihm zu Ehren einen bequemen Einstieg in den Müsener Grundstollen zu bauen. Die Gewerkschaft vergab den Bau einer Treppe beim ersten Lichtschacht an den Müsener Bergmann Johannes Schmöller am 20. Januar 1789. Für 47 Reichstaler hatte er einen Niedergang mit 62 Stufen anzulegen. 17 In der Folgezeit befuhren durch dieses Portal neben vielen Vertretern des Adels auch Bergingenieure, Professoren der berühmten Bergakademien zu Clausthal und Freiberg sowie interessierte Besucher aus nah und fern die Grube„Stahlberg".


Die heute noch erhaltenen Gästebücher der Grube von 1819 bis 1931 legen davon ein interessantes Zeugnis ab.

Der „Fürsteneingang" ist heute die einzige im Siegerland erhaltene Mundlocharchitektur aus dem 18. Jahrhundert.

Von den in den 1840er Jahren unterhalb Müsens angelegten Aufbereitungsanlagen, dem sog. „Bocherrich", haben sich nur geringe Reste erhalten. Entlang des Bachlaufs der Rothenbach existieren heute noch Teile der alten  Wassergräben und des Bahndamms der Grubenbahn Müsen - Dahlbruch.

 

Von den einst ausgedehnten Tagesanlagen am Berghang der Martinshardt im Bereich des heutigen Feriendorfs haben sich noch  geringere Reste erhalten. Beide Schachtanlagen, die Maschinenhäuser, die Halden, Magazine und Aufbereitungsanlagen sind teils direkt nach der Stilllegung und teils während des Baues des Feriendorfes Anfang der 1970er Jahre abgetragen worden. Lediglich das alte Pulvermagazin am ehemaligen „St. Friedrich Schacht" hat den Lauf der Zeit überdauert.


Das kleine unscheinbare verputzte Bruchsteingebäude mit Pyramidendach, welches  1817 als Pulvermagazin der Grube „Stahlberg" errichtet wurde, diente nicht nur zur Lagerung des auf der Grube „Stahlberg" verwendeten Schießpulvers, sondern auch als Zentrallager für alle Gruben an der Martinshardt. Sogar das benötigte Pulver für den „Kronprinz Friedrich Wilhelm Erbstollen" in Kreuztal musste jeden Tag dort abgeholt werden.

Nach der Aufstellung von zwei Dampfmaschinen an der Stahlberger Schachtanlage konnte der vorgeschriebene Mindestabstand zwischen Feuerstätte und Pulverlager nicht mehr eingehalten werden, was eine weitere Nutzung unmöglich machte..

Am 18. Oktober 1858 stellte die Gewerkschaft Stahlberg daher den Antrag, den vorhandenen „Pulverthurm" auf das ihr gehörende Grundstück in der Steinkaule umzusetzen. Dieses wurde ihr vom Amt Keppel am 12. Februar 1859 genehmigt. 18 Der Standort des neuen Pulvermagazins lag nun am Rande der Gestellsteinbrüche unterhalb der heutigen „Kindelsbergstraße".

Erst im Jahre 1869 bekam die benachbarte Grube „Wildermann" ein eigenes Magazin oberhalb des Wildermänner Erbstollens.

Mit dem Aufkommen brisanterer Sprengstoffe gegen Ende des 19. Jahrhunderts verlagerte man die Magazine nach untertage; die SGV- Abteilung Müsen baute das Gebäude schließlich nach 1931 zu einem Wanderheim um.

Gemäß SLOTTA ist das Pulverhaus das  einzige erhalten gebliebene bergmännische Pulvermagazin im Bereich der alten Bundesländer. Aufgrund dieser Sonderstellung spricht er dem Gebäude sogar eine besondere nationale Bedeutung zu. 19

 

Will man die letzten Baudenkmäler der Grube „Stahlberg" besichtigen, muss man die Ortschaft Müsen verlassen und sich nach Kreuztal - Ernsdorf begeben.

Dort findet man die in eine tiefe grabenartige Rösche eingelassene Portalmauer des

„Kronprinz-Friedrich-Wilhelm Erbstollens" vor.

Die einfache und schlicht gehaltene Mauer aus Bruchsteinen wird nur durch die gusseisernen Buchstaben „Kronprinz Friedrich Wilhelm Erbstollen" sowie einem preußischen Adler, umschlossen von der Jahreszahl 1825, geschmückt.

Bis heute ist unklar, worauf sich diese Jahreszahl bezieht, da der Stollen erst im Jahre 1826 angeschlagen wurde. Das genaue Baudatum der Portalmauer ist ebenso noch unbekannt, kann aber auf die Jahre vor 1836 eingegrenzt werden, da in den von diesem Jahre an erhaltenen Betriebsakten kein Hinweis auf seine Errichtung vorhanden ist.

Der 4053 Meter lange Stollen  ist einer von insgesamt vier auf fiskalische Kosten vorangetriebenen Erbstollenprojekten im „Siegerland - Wieder Spateisensteinbezirk". Neben dem „Alvenslebenstollen" der Grube „Louise" in Burglahr, dem „Tiefen Königsstollen" der Grube „Hollertszug" in Herdorf und dem „Reinhold Forster Erbstollen" der „Eisenzeche" in Eiserfeld war das ursprünglich „Tiefer Martinshardter Revierstollen" genannte Bauwerk eines der wichtigsten Projekte zur Hebung des Siegerländer Bergbaus durch den preußischen Staat.

Die im Heft 1 Band 79 der Zeitschrift „Siegerland" wiedergegebene Rede von Oberbergrat Johann Phillip Becher zum feierlichen Anfang des „Tiefen Martinshardter Revierstollens" vermittelt einen hervorragenden Überblick über die Bedeutung dieses Bauwerks.

Die wechselvolle Baugeschichte des tiefsten Lösungsstollens der Gruben „Stahlberg", „Wildermann" und „Altenberg" ist bereits bei DÖRING niedergeschrieben und soll hier nicht weiter ausgeführt werden. 20

Der noch auf eine Länge von 3500 Meter zu befahrende Stollen wird bis zum heutigen Tag seiner Funktion als Wasserlösungsstollen der Gruben  „Stahlberg" und „Wildermann" gerecht.

Dem Mundloch gegenüber befindet sich das vor einigen Jahren seitens der Stadt Kreuztal restaurierte Zechenhaus des „Kronprinz Friedrich Wilhelm Erbstollens".

Das einfache Fachwerkgebäude, welches auf einem Bruchsteinsockel ruht, wurde in den Jahren 1836/37  erbaut. Im Zechenbuch des KFW Erbstollens heißt es im „X. Generalbefahrungsprotokoll" unter Punkt ad.7:

„Der Bau des neuen Zechenhauses ist bis auf die innere Einrichtung desselben vollendet. Letzteres wird wegen der Jahreszeit erst im nächsten Frühjahr ausgeführt werden. Das alte Zechenhäuschen hat man an den meistbietenden öffentlich verkauft." 21 

Unberücksichtigt bleiben müssen hier die heute noch zahlreich im Gelände vorhandenen Spuren wie Schachthalden, Tagebaue, Wassergräben, Stauweiher, Gleisbauten und Pingen. Diesen potentiellen Bodendenkmälern fehlt im Gegensatz zu den meisten Baudenkmälern ein umfassender Denkmalschutz. Durch die intensive Forst- u. Landwirtschaft mit immer größeren Maschinen verflachen gerade diese Spuren des Bergbaus immer mehr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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